12. Juli 2017

Die uneingeschränkte Macht der Straße

Eine Doktorarbeit beschreibt die Haltung von US-Autofahrern Radfahrenden gegenüber. 

Dabei kommt heraus, dass Autos wie Waffen sind, sie werden als Mittel der Kontrolle und Einschüchterung betrachtet.

Die Arbeit geht von der Frage aus, die sich Radfahrende immer wieder stellen: Warum hassen uns die Autofahrer? Und zwar zuweilen so sehr, dass sie unseren Tod in Kauf nehmen indem sie gnadenlos knapp überholen oder schnell abbiegen. Warum geben wir so schnell den Radfahrern die Schuld an ihren Unfällen, zumindest aber eine Mitschuld? Diese Fragen hat sich Tara Godddard in ihrer Doktorarbeit gestellt. Und über das Ergebnis berichtet Lloyd Alter in diesem Artikel, erstaunt darüber, dass auf unseren Straßen ein sozialer Machtkampf stattfindet, der Opfer fordert, die wir akzeptieren.


Man sieht nur, was man sehen will.

Die Haltung von Autofahrern Radfahrern gegenüber ist bislang weitgehend unerforscht. Goddard versucht herauszubekommen, was Autofahrer tatsächlich denken und zu welchem Verhalten das führt. Warum beispielsweise kommt es immer wieder zu Unfällen, die in England "SMIDSY-Unfälle heißen ("Sorry mate, I didn't see you") und die sich bei uns in der Standard-Polizei-und-Presse-Formulierung "dabei übersah er den Radfahrer" ausdrückt.

Es ist ein altbekanntes Phänomen der Psychologie, dass wir dazu neigen, nur das zu sehen, was wir sehen wollen. Unser Bild von der Welt vor unseren Augen ist nicht objektiv, sondern subjektiv. Es wird stark von dem beeinflusst, was wir denken und glauben. Wenn wir Radfahrer für unwichtig halten und nicht sehen wollen, dann sehen wir sie nicht. Die Perspektive von Autofahrern auf Radfahrer ist geprägt von dem Gefühl, sie hätten auf der Straße nichts zu suchen, weil dieses Recht Autos vorbehalten ist.

Autofahrer sitzen in einem privaten Panzer

Dort sind sie von der Welt draußen akustisch und visuell getrennt. Sie schauen durch Glasscheiben hinaus. Sie selbst sieht man hinter womöglich noch getönten Scheiben nicht. Von außen gesehen sind Autos anonym, sie sind Gegenstände. Deshalb fällt es uns schwer, Autos zu hassen, aber ganz leicht, Radfahrer zu hassen. Denn Radfahrer sind in ihrer jeweils individuellen Gestalt sichtbar, als Männer, als Frauen, als Kinder, als Alte oder Junge, als elegant oder schlampig angezogen, als sportlich oder unsportlich. Autofahrer reagieren darauf, sie halten einer älteren Studie zufolge mehr Abstand zu Radfahrenden, wenn sie weiblich sind und keinen Helm tragen. Sie halten weniger Abstand zu männlichen und jungen Radlern mit Helm und Schutzweste.

Autos sind Waffen und Radfahrer sind Wilde ohne Gewehre 

Ich selber beobachte: Je mehr Radfahrer Fußgängern gleichen (aufrecht, normal angezogen, langsam unterwegs), desto rücksichtsvoller verhalten sich Autofahrer. Sehen sie hingegen einen über den Lenker geduckten Langstreckenradler mit Helm, Rucksack und Radlertrikot, dann geht es plötzlich um mehr: Nämlich um einen Machtkampf um den Platz auf der Straße. Dann zeigt so mancher Autofahrer dem jungen Mann auf dem Rad, wer das Sagen hat auf den Straßen: er hupt, er schneidet ihn beim Überholen, er übersieht ihn beim Abbiegen. Es ist eine Machtdemonstration im Vollgefühl, im Recht zu sein, die unsere Gesellschaft toleriert.

Autofahrer reagieren auf Menschen und zwar je nach der Einschätzung, die sie von ihrem sozialen Rang haben, mal mehr, mal weniger respektvoll. In den USA gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass es für Schwarze gefährlicher ist, über die Straße zu gehen, als für Weiße. Und Fahrer/innen großer Autos neigen seltener dazu, am Fußgängerüberweg zu halten. Je größer oder schneller und teurer das Auto, für desto überlegener halten sich die Insassen über alle anderen Verkehrsteilnehmer.

Unsere Gesellschaften, auch die deutsche, sind hierarchisch organisiert. Autofahrer fühlen sich in der Mehrheit (die sie in Städten oft gar nicht mehr sind) und darum glauben sie sich oben in der Hierarchie. Sie reklamieren mehr Rechte und Vorteile für sich als sie den "Unteren" zugestehen wollen. So lehnt ein Teil der Autofahrer beispielsweise Tempoblitzer als "Abzocke" ab (also Kontrollen ihres Fehlverhaltens), fordern aber gleichzeitig dass Räder mit Nummernschildern versehen werden, damit man das Verhalten von Radfahrern besser kontrollieren kann. Obgleich unsere Autogesellschaft gerade mal hundert Jahre alt ist, dominiert sie den Stadtraum und definiert die Regeln auf Basis des allgemein anerkannten Glaubens, dass nur wer mit dem Auto fährt, mobil und frei ist. Alle anderen erscheinen demzufolge nicht mobil und nicht frei (Radfahrer, Fußgänger, Stadtbahnfahrer) und werden verachtet, mal mehr, mal weniger, meist unbewusst, manchmal aber auch bewusst. Je stärker sich eine Gruppe fühlt, desto ungenierter zeigt sie ihre Verachtung, diskriminiert die, die nicht dazu gehören, und schüchtert sie ein, und zwar hier mithilfe des Autos.

Autos werden zur Einschüchterung und Bestrafung von Radfahrern eingesetzt

Ein Kennzeichen für die Dominanz einer gesellschaftlichen Gruppe ist nach Goddards (auch von der amerikanischen Waffenlobby geprägten) Einschätzung die Akzeptanz der hohen Zahl von Todesfällen, die sie erzeugt. Autos sind der Hauptgrund für tödliche Unfälle im Straßenraum. In Deutschland sterben durchschnittlich jeden Tag zehn Menschen auf Straßen, davon jeden Tag ein Radfahrer. Würden sie auf einmal durch einen Amoklauf oder einen Anschlag getötet, würden wir entsetzt darüber berichten und Maßnahmen fordern, die das in Zukunft verhindern.

Außer Autofahrenden kann kein anderer Mensch auf der Straße jemanden verletzen, ohne selbst auch verletzt zu werden. Wenn der verfemte Kampfradler mit einem Fußgänger zusammenstößt, fallen in der Regel beide um.

Autos geben einer Gruppe Macht über eine andere Gruppe, zum Beispiel über Radfahrende. Der öffentliche Straßenraum ist begrenzt, auch in Stuttgart, und deshalb heiß umkämpft. Dieser politisch-ideologische Kampf um den Straßenraum findet parallel dazu auch jeden Tag auf der Straße statt. Die Fahrbahn wird zum Schlachtfeld, auf dem die Autogesellschaft ihre Vorherrschaft behaupten will, ganz hautnah durch hupen, dicht auffahren, nicht an Zebrastreifen bremsen, keine Straßensperren beachten, auf Radwegen parken, zu eng überholen, nicht gucken beim Abbiegen, zum teils tödlichen Nachteil für Fußgänger und Radfahrer. Autos werden wie Waffen zur Kontrolle und Einschüchterung, sogar zur Bestrafung Schwächerer eingesetzt.

Das belegt Goddard mit vielen Umfrageergebnissen. So sind die eingefleischtesten Autofahrer beispielsweise gar nicht willens, sich nach einem Radfahrer umzuschauen, wenn sie abbiegen. Sie sind ihnen egal. Und je mehr sie Radfahrer hassen, desto eher sind sie auch bereit, sie totzufahren.

Ein Symptom des Machtkampfes ist der Zwang zu Überholen. 

Ich bin kürzlich die lange Neckarstraße langgeradelt. Da können Autos nicht überholen. Einer drängelte immer mehr, schließlich hat er mich mit fünfzig Zentimeter Abstand überholt, als es ging. Dabei zeigte er mir den Vogel. Ich hob verneinend winkend die Hand, daraufhin bremste er mich aus. Und nur weil ich großen Abstand hielt und er so langsam auch wieder nicht fahren wollte, bremste er mich kein zweites Mal aus. Versucht hat er es.

Goddard hat herausgefunden, dass der Zwang zum Überholen vom Alter, der sozialen Stellung und dem Gefühl des Autofahrers unterstützt wird, im Recht zu sein. Und immer geht so ein Überholmanöver mit dem wütenden Bedürfnis einher, zu bestimmen, andere zu kontrollieren oder zu bestrafen. Grundlage dieser Gefühle ist der tiefsitzende Glaube, dass Radfahrer den Autoverkehr nicht aufhalten dürfen.

Radler weichen uns im Auto aus,
obgleich wir nicht drängeln.
Radfahrer dürfen den Autoverkehr nicht ausbremsen

Wir alle teilen diesen Glauben, sogar wir Radfahrer (und Fußgänger) selbst. Denn, so Goddard, wenn wir auf dem Rad hinter uns ein Auto spüren, dann nehmen wir selbstverständlich an, dass der Fahrer wütend auf uns ist, weil er uns nicht überholen kann. Manche machen Platz, bei den anderen steigt der Adrenalinpegel und sie befinden sich im Kampf- und Selbstbehauptungsmodus. So geht es auch anderen Autofahrer/innen, die einen Radfler vor ihnen nicht überholen. Sie nehmen selbstverständlich an, dass der Autofahrer hinter ihnen vor Wut schäumt und sie für Idioten hält, weil sie den Radler nicht überholen.

Regelverstöße durch Autofahrer sind Kavaliersdelikte

Wir alle beobachten: In unserer Gesellschaft findet die Wut auf Radfahrer, die die Regeln nicht einhalten, viel Anerkennung und Zustimmung. Wann immer sich im Gespräch eine Gelegenheit bietet, schimpft man auf Radfahrer und führt Beispiele für ungeheuerliches Verhalten an (die halten sich ja an keine Regeln). Auf Autofahrer schimpft man nicht mit soviel Wut. Ihr Fehlverhalten sehen wir mit ungeheurer Nachsicht und viel Verständnis für die Begründungen, die sie für eklatante Regelverstöße anführen, bis weit in die Polizei und Staatsanwaltschaften hinein. Die Polizei ist eher geneigt, einen Radler wegen Nötigung anzuzeigen, der einen Autofahrer ermahnt, ihn beim Abbiegen nicht umzufahren, als den Autofahrer, der den Radler nicht beachtet hat (schon vorgekommen), oder eine gefährliche Ausbremsaktion des Autofahrers als Strafmaßnahme gegen Radfahrer in einen Vorwurf gegen die Radler umzukehren, sie hätten dort nicht fahren dürfen (auch schon vorgekommen).

Wir leben also in einer Gesellschaft, die das Autofahren als berechtigte Machtdemonstration allen anderen gegenüber akzeptiert und unterstützt. Fährt ein Lkw-Fahrer beim Abbiegen eine Radfahrerin tot, wird er nur zu einer Geldstrafe verurteilt und die Radler werden ermahnt (wie hier geschehen).

Radfahrer werden stigmatisiert 

Auch das ist ein wichtiges Kennzeichen für die Dominanz einer Gruppe: Je mehr Leute Radfahrer hassen, desto lauter wird darüber geredet und geschrieben, dass Radfahrer kontrolliert werden müssten. Gleichzeitig fordert man, dass sie Helme aufzusetzen und Warnwesten anzuziehen, sich also als Radfahrer von allen anderen unterscheidbar machen. Das ist letztlich eine Stigmatisierung, die es zudem noch leichter macht, Radler aufs Korn nehmen, wie die schon oben erwähnte Studie zeigt: Wer als Radler verkleidet ist, wird knapper überholt und eher geschnitten als Radfahrende, die eher wie Fußgänger/innen aussehen.

Die dominante Gruppe, die für sich selbst die Regeln lasch auslegt, fordert für Radler Führerscheine und Radkennzeichen und schickt sie auf freigegebene Gehwege und eine minimal-Radinfrastruktur, die sie für sicherer erklärt, ohne dass sie es ist. (Das Foto zeigt den gefährlichen Sicherheitsstreifen in der Silberburgstraße. Der Bus, der mich hier überholt, streift mich fast. Dem Busfahrer ist es wurscht, er fühlt sich im Recht: Er hasst Radfahrer.)

Eine solche Gesellschaft, die Radfahrer hasst, legt Radwege in Fußgängerzonen und lässt sie mehrmals vom Autoverkehr queren, der sich im Recht fühlt, wenn er Radfahrer nicht sieht. Stattdessen werden Radler vor dem Autoverkehr gewarnt. Selber schuld, wenn du hier umgefahren wirst, auch wenn du Vorfahrt hast (so wie es hier gerade geschieht).

Eine Radinfrastruktur für Radfahrer und nicht gegen sie kann Menschenleben retten

Und was kann man nun tun? Goddard meint, Haltungen lassen sich nur langsam ändern, aber die Gestaltung des Straßenraums kann von der Politik (wenn sie es denn endlich mal wollte) schnell geändert werden. Eine gute Radinfrastruktur trägt viel dazu bei, Radfahrer-Leben zu retten. Deshalb schlägt Goddard vor, den Straßenraum eindeutig zuzuteilen, Radfahrer von Autofahrern zu trennen (ohne sie auf Gehwege zu schicken) und ihre Begegnung an Kreuzungen oder Querungen zu regeln (mit Ampeln oder immer gleichen Vorfahrtregeln), damit Autofahrer bei der Konfrontation nicht auf ihre Gefühle den Radlern gegenüber zurückgreifen, sondern auf Verkehrsregeln. Zudem muss der Autoverkehr verlangsamt werden, wo Radfahrer fahren. Eine eigentlich ganz einfache Erkenntnis, die schon lange vorliegt, nur eben nicht konsequent und entschlossen umgesetzt wird, weil wir alle so sehr an die Vorherrschaft des Autos glauben.

Die von uns in Stuttgart gerade so geschätzten Begegnungszonen (Shared Spaces) oder Fahrradstraßen mit Anliegerfreigabe sind das Gegenteil davon. Sie werden von Autos dominiert, Radler und Fußgänger werden an den Rand gedrängt. Wenn sich Radler und Autofahrer per Blickkontakt verständigen sollen, spielen bei Autofahrern die Dominanz-Gefühle Radlern gegenüber die Hauptrolle beim Durchsetzen ihres Wegerechts, allein deshalb, weil der Radler den Blickkontakt hinter die dunkle Windschutzscheibe gar nicht herstellen kann.

Hier der Link zum Download der Doktorarbeit, auf die mich Blogleser Carsten aufmerksam gemacht hat.
Und hier ein Interview, das mir Blogleser Alfred  zugeschickt hat: "Wir nehmen die Toten im Straßenverkehr in Kauf."

Nachtrag, 14. Juli: In Hürth ist am Freitag vor einer Woche ein 17-Jähriger Nachwuchs-Radrennfahrer von einem Auto über den Haufen gefahren und getötet worden. Der Kölner Express beschreibt den Hergang so: Der Autofahrer hatte es eilig, er missachtete auf seiner Raserei zur Arbeit mehrere rote Ampeln und fuhr dann von hinten auf den jungen Radfahrer auf. Es soll ein Video von der Unfallfahrt geben. Es ist in diesem Jahr mindestens der dritte tödliche Unfall eines Radrennfahrers auf einer öffentlichen Straße. Totgefahren von Autofahrern, die zu knapp überholen, denen es egal ist, was sie anrichten, die Radfahrer nicht sehen.

Nachtrag, 17. Juli. Blogleser Martin K. hat auf die Frage in den Kommentaren nach einer Soziologie des Straßenverkehrs geantwortet und mir eine E-Mail geschickt, in der er auf den Soziologen Helmut Schelsky hinweist, der 1970 (als die Zahl der Verkehrstoten noch bei 20.000 stand) bei einem Kongress der deutschen Verkehrswacht einen Vortrag hielt mit dem Titel: "Verkehrssicherheit und soziale Kontrolle". Der Vortrag wurde in der Zeitschrift "Polizei, Technik, Verkehr" abgedruckt. Darin fordert er unter anderem eine Politisierung der Verkehrssicherheit. Der Text spiegelt auch das politische Klima der 70er Jahre wider. Aber noch heute ist die Forderung, den Autoverkehr auch politisch zu betrachten und politisch auf ihn zu reagieren, ein Politikum. Zitat:

"Gegen den Vietnamkrieg wird politisch protestiert - mit Recht; gegen den Tod auf den Straßen, unseren eigenen Straßen, wird nicht protestiert - zu Unrecht. Es fällt schwer, dem Versuch zu widerstehen, dies nicht als objektive Heuchelei zu bezeichnen; ich erkenne nämlich die subjektive Überzeugung der humanitären Motive des Protestes gegen den Krieg bei der Mehrzahl der Opponenten an, aber um so unverständlicher bleibt mir, wieso der Protest gegen die durch Mißbrauch und rücksichtslose Ausnützung der Technik fallenden Opfer im eigenen Lande so stillschweigend hingenommen wird. […] Viele von Ihnen werden verwundert oder gar entrüstet fragen: Will der jetzt etwa das ganze Arsenal der Demonstrationen und Proteste, das gegen die Professorenherrschaft, gegen die Notstandsgesetze, gegen den Springerkonzern, gegen den Vietnamkrieg und gegen manche andere Position des sogenannten „Establishments“ entfesselt wurde, nun auch noch gegen die Verkehrssünder aufrufen? Ja, ich halte dies nicht nur für richtig, sondern für notwendig. […] Ich halte es für richtig, daß 20 000 Tote vor der eigenen Tür mindestens zu gleichen Protesten herausfordern wie 20 000 Tote in Vietnam. Daß dabei „etwa außerhalb der Legalität“ gehandelt wird, daß es dann zu Störungen der Ordnung, auch der Verkehrsordnung, käme, würde ich in Kauf nehmen, wenn dafür die Todesrate der Straße auf die Hälfte gesenkt würde. [...] Die Forderung nach einer solchen Politisierung der Frage der Verkehrssicherheit ist begründet in der Überzeugung, daß es des ganzen und schärfsten Druckes der Gesellschaft bedarf, um soziale Kontrolle, um eine „Bewußtseinsänderung“, die in Wirklichkeit eine entscheidende normative Verhaltensänderung darstellt, auf dem Gebiete des Verkehrsverhaltens zu erreichen. Die in Regierung, Parlament, Verwaltung, Polizei und Justiz institutionalisierten sozialen Kontrollen reichen offensichtlich nicht aus, um die in hohem Maße tödliche Verkehrsunsicherheit auf unseren Straßen zu beseitigen; man muß die freien Kräfte der Gesellschaft zur Lösung dieser lebensnotwendigen Aufgabe zu Hilfe rufen: sowohl die Verantwortung und die soziale Geltung jeder einzelnen Person, als auch die freie politische Bewußtseinsbildung und die politischen Emotionen der Gesellschaft.

Kommentare:

  1. Hallo Christine,
    super Artikel. Es stellt alles da, was ich auch schon auf der Straße erlebt habe. Ich fahre zwar auch notgedrungen überwiegend Auto, auch ein großes, aber dadurch hat sich meine Haltung anderen Verkehrsteilnehmern nicht geändert.
    Das Problem am gesamten verkehr ist die Unkenntnis der Verkehrsregeln, wenn bekannt, die Akzeptanz und zusätzlich die sich immer weiter ausbreitende Rücksichtslosigkeit und Ignoranz gegenüber anderen. Man kann es auch Egoismus nennen.
    Ich sehe eigentlich nur einen Weg aus der Misere. Bußgelder deutlich erhöhen, mehr Fahrverbote, Kontrolldruck richtig hoch, dann wird es auch wieder besser.
    Übrigens ich finde hohe Bußgelder wie in der Schweiz und Österreich keine Abzocke, ich brauche mich ja nur an die Verkehrsregeln zu halten.
    Viele Grüße
    Karin

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  2. Dieser Artikel ist ganz hervorragend. Bravo. Er beleuchtet die anthropologische resp. sozialpsychologische Ebene der Sachverhalte und bietet sehr viel Stoff, darüber nachzudenken, was dies nun für die juristische Ebene (aktuell „Ignoranz“), die verkehrsplanerische Ebene (aktuell „Unkenntnis“) und vor allem die politische Ebene – also die öffentliche Diskussion und die Argumentation – bedeutet. Herzlichen Dank für diesen sehr anregenden Beitrag und viele Grüße.

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  3. Viele dieser Symptome (wie z.B. Brechen der StVo-Regeln oder Unwissenheit darüber) kommen auch daher, dass man zumeist gar nicht oder sehr selten dafür belangt wird.
    Wenn es mal zur offiziellen Dokumentation kommt, dann sind die Strafen verhältnismäßig gering, so das diese durchaus einkalkuliert werden.

    Hier müsste ein radikaleres Ahndungssystem her, ähnlich dem der skandinavischen Ländern mit Bußgeldern gemessen am Einkommen, so hätte man auch eine faire Verteilung.

    Es könnte auch über einen schnellern Entzug der Lizenz nachgedacht werden, denn gerade wenn man drauf angewiesen ist wie Pendler oder Berufsschaffenden die das Auto benötigen, sollte man sich doch so verhalten, dass man den Führerschein nicht gefährdet.

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  4. Danke für das Lob. Vielleicht hätte ich im Artikel noch explizit herausstellen sollen, dass der Machtkampf auf der Straße parallel zum Machtkampf in der Politik läuft und dass damit auch die geringen Strafen für lebensgefährliche Regelverstöße durch Autofahrer zusammenhängen. Unsere Gesellschaft befindet sich vermutlich im Wandel, weg von einer Autogesellschaft und hin zu einer, die ich jetzt noch gar nicht definieren kann, aber erst am Anfang, und es dauert. Unkenntnis der Regeln ist ja deshalb auch möglich, weil Autofahrer wissen, dass man es ihnen kaum übel nimmt, wenn sie keine Ahnung haben, was sie dürfen und was nicht. Genau das ist ja der allgemein akzeptierte Konsens in Deutschland und besonders in Stuttgart: Autofahrer müssen Autos fahren und dürfen dabei nicht gestört werden.

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  5. http://www.zeit.de/2017/16/suv-ego-respekt-groesse

    Wäre auch noch passend zum Thema. Ansonsten toller Artikel - sehr schön aufgedröselt! Von dieser sozialpsychologischen Betrachtungsweise wünsch ich mir mehr.

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    1. Ich fand die SUV-Ego-Gschichte nie so interessant, zumal es das nicht ums Fahrradfahren geht, sondern ums Autofahren und die negative Bewertung von Menschen, die bestimmte Fahrzeuge fahren. (SUV-Fahrer/innen-Bashing ist ja ziemlich wohlfeil gerade.) Und mir geht es nicht um eine negative Bewertung von Menschen, die etwas tun, sondern um das Verstehen, warum etwas geschieht, Negatives oder Positives.

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    2. Wobei, ganz ehrlich, das Bashing* der SUV-Fahrer auch gerechtfertigt ist. Denn fast kein Mensch, der so ein Auto fährt, benötigt wirklich so ein überdimensioniertes Fahrzeug. Es ist nur Statussymbol und dient zum Prestige. Doch angesichts der ernsten Probleme, vor denen wir nicht nur als Gesellschaft, sondern auch als Menschheit stehen, können wir uns diese individuelle Freiheit von Wenigen auf Kosten aller (Stichwort Ressourcenverschwendung) eigentlich nicht mehr leisten. Hier ist die Vernunft gefragt, und dass wir uns selbst nicht mehr so wichtig nehmen. Daran mangelt es bei den SUV-Fahrern sehr.

      *) Ich würde es weniger "bashing", sondern vielmehr "kritisieren" nennen. Kritik ist legitim, aber durch die Umdeutung in "bashing" wertet man sie nur unnötig ab, stellt sie als etwas übertriebenes, haltloses dar.

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    3. Stimmt schon. Die SUVs werden nicht gebraucht. Aber mann muss auch bedenken, dass viele Frauen, die ihre Kinder im SUV transportieren, es auch tun, weil sie glauben, in so einem Riesenpanzer seien sie besser geschützt vor dem Wildwest auf den Straßen, wobei sie diese Zustände, vor denen sie Angst haben, selbst erzeugen. Es ist eine Autogesellschaft, die sich gegenseitig hochschaukelt, was das Schutzbedürfnis vor anderen Autofahrern betrifft, die als die "bösen Raser" empfunden werden. Es ist immer schwierig, innerhalb eines in sich logischen Systems, wie es das der Autofahrerwelt ist, einzelne herauszugreifen und von ihnen eine Änderung zu fordern. Ein System zu ändern ist allerdings auch schwierig, solange die Haltungen, die es provoziert, einem selbst unbekannt sind. Ich denke schon, dass auch wir Radler unser Denken über das Denken der Autofahrer ändern müssen. Solange wir das Auto hinter uns als Stressmacher unter Überholdruck bewerten, verhalten wir uns so, wie es der Autofahrer erwartet (mal ängstlich, mal aggressiv). Wir müssen das Spiel unterbrechen, indem wir Autofahrende freundlich betrachten und ihnen Respekt vor uns unterstellen. Die meisten haben den ja auch.

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    4. Also ich bin über den Punkt, dass Auto hinter mir als Stressmacher unter Überholdruck zu sehen, hinaus - aber wichtig, dass du dies ansprichst: Die meisten Menschen sind es eben noch nicht, und können es auch nicht weil eigentlich niemand sie über diese absurde Angst aufklärt, sodass eine Änderung im Denken/Verhalten stattfinden kann.

      Letztlich läuft alles darauf hinaus, dass es im Straßenverkehr - und allen anderen Gesellschaftsbereichen dazu - um mehr Miteinander als Gegeneinander gehen muss. Was äußerst schwierig werden wird unter den gegebenen Umständen.

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    5. Ich muss schwere Hänger ziehen und das zum Teil auch abseits geteerter Straßen. Womit soll ich dies Ihrer Meinung nach tun? Einem Golf?
      Es gibt durchaus Menschen, die einen SUV/Geländewagen benötigen. Daher halte ich die ständige Kritik an SUV/Geländewagen für reine Polemik.
      Nebenbei fahre ich leidenschaftlich gerne Rennrad und habe die im Artikel genannten Erfahrungen auch gemacht. Daher wollte ich hier dafür auch ein eindeutiges Lob hinterlassen. Insbesondere für den nicht emotional verstellen Blick und die Verweise auf die Quellen. Top!
      Das "Bashing" der SUV-Fahrer halte ich für Fehl am Plätze.

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    6. ich habe auch einen geländewagen, ab und an hab ich hänger zu ziehen, bin öfters sportlich unterwegs und brauche den stauraum. als ausgleich steht mein auto die restliche zeit in der garage weil ich alles was mir nur möglich ist mit dem rad erledige bis hin zum bierholen (radanhänger) :-). ich fahr mittlerweile mit dem rad bewusst nicht mehr ganz rechts auf der fahrbahn, das verleitet die meisten autofahrer zu kriminellem überholen da nehm ich lieber hupen und beschimpfungen in kauf

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    7. Liebe Kollegen aus der Fraktion der Anonymen: Macht euch mal keinen Kopp. Ich selber habe hier beispielsweise schon pauschal „die“ Rennradfahrer beschimpft, obwohl ich selbst begeisterter Rennradfahrer bin. Es geht mir und den anderen Diskutanten meist nur darum, bestimmte Aspekte eines komplexen Geschehens hervorzuheben. Und ich selbst habe hier auch schon Autofahrer pauschal als „Autokranke“ bezeichnet, obwohl ich persönlich die Möglichkeit des Autofahrens großartig finde und manchmal auch selbst in Anspruch nehme. Es geht in diesem Blog nicht darum, das Autofahren zu verteufeln, sondern darum, ein Miteinander der verschiedenen Verkehrsarten in einer lebenswerten Stadt zu ermöglichen. Und dazu gehört es, die kulturelle Dominanz des Autos in Frage zu stellen und den Radverkehr in die Position einer Gleichberechtigung zu bringen. Und dass ihr das Bier mit dem Fahrrad holt … ist ein Schritt in die richtige Richtung :-))

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    8. Zivilisierte Diskussionen von zwei Parteien unter einem differenzierten Artikel - eine vom Aussterben bedrohte Gattung. Es freut mich sehr, soetwas lesen zu dürfen.

      Auch ich ärgere mich als Autofahrer über Fußgänger oder Radfahrer oder umgekehrt in allen denkbaren Kombinationen. Ich denke, dass alle Seiten gut daran tun, ihr Verhalten zu überdenken, zumal fast jeder Mensch alle Verkehrsmittel irgendwann nutzt, allen voran die eigenen Füße.
      Ob wirklich Hass vorliegt, weiß ich nicht; das "In-die-Schranken-weisen" von subjektiv empfundenen Störern, die sich ja auf keinen Fall im Recht befinden können, trifft jedoch voll zu; ich denke, dass sich viele Leser, inklusive mir, da an die eigene Nase fassen müssen. Den rücksichtslosen Nötigern in jedwedem Verkehrsmittel bedingten Tötungsvorsatz vorzuwerfen, halte ich jedoch wiederum für ein wenig extrem; ich fürchte, viel eher wird ein "Wird schon gut gehen"-Denken bei diesen Leuten vorliegen, also eine gewisse Leichtfertigkeit, die natürlich im Ergebnis zur selben Gefährdung von Leben führt und auch gleichermaßen bekämpft gehört.

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  6. Interessanter Artikel. Wieder die Bestätigung der These, dass Gewalt, egal in welcher Form, bedingt durch unsere hierarchische Gesellschaft immer von oben herab wirkt und legitimisiert ist, während sie in die andere Richtung sofort sanktioniert und radikalisiert wird.

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  7. Hammer, bis ins letzte Detail zu den getönten Scheiben. Es ist alles genau so wie Du schreibst und ich täglich erlebe. Sehr toller Artikel, wie eigentlich immer, aber dieser Artikel lässt mich abwechselnd wütend werden und auch resignieren.

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    1. Danke. Als ich ihn schrieb, bin ich zunehmend wütender geworden. Aber man muss die Machtverhältnisse ja benennen, und man muss auch für sich selbst akzeptieren lernen, wenn man nicht zu den Mächtigen gehört (als Radler auf der Straße). Und dann darf man nicht mehr müde werden, es bei jeder Gelegenheit zu benennen. Was wir tun wird skandalisiert und sanktioniert, was Autofahrer tun wird verharmlost, weil sich unsere Autogesellschaft so stark fühlt. Dabei tötet sie jeden Tag zehn Menschen. Oder so. Nicht aufgeben! Reden! Das ist das, was ich in diesem Blog seit vier Jahren tue. Uns ins Gespräch bringen und reden.

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    2. Beim Lesen kommen stetig Situationen der letzten Jahre hoch, eine whare Gefühlsachterbahn. Doch während ich damals stinksauer weiterfuhr, und nur geschimpft habe, bringst du hier den Ansatz, warum der Autofahrer so in dieser Situation handelte.

      Ich habe bereits meine Schlüsse gezogen und werde meine Fahrweise und mein Auftreten anpassen müssen, zu meiner eigenen Sicherheit. Danke Christine für diesen Beitrag!

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    3. Sehr guter Artikel! Er spricht mir aus der Seele und bestätigt viele meiner Vermutungen und Beobachtungen, die ich nicht die Zeit habe wissenschaftlich zu beweisen.
      Ich glaube im Verkehr sieht man unser Neandertalerverhalten. Die einen gehören dem Stamm der Autofahrer an, die anderen (fremden, gegnerischen) einem anderen Stamm. Maskierung und Uniform (getönte Scheiben, Fahrradhelm und Weste) verstärken den Eindruck mit anonymen Vertretern des 'gegnerischen' Stammes zu tun zu haben, statt mit Menschen die auch die Nachbarn sein könnten. Je fremder der Eindruck, desto ungehemmter die Androhung von Gewalt, die Inkaufnahme von Gewalt und die tatsächliche Gewalt (Ein Autofahrer hat mich mal durch eine Fussgängerzone mit seinem BMW verfolgt weil er mir eine Reinschlagen wollte. Passanten haben mich beschützt. Mein Verbrechen: Ich war als Fussgänger noch auf der Fahrbahn, als die Fussgängerampel schon auf rot umgesprungen war und habe seinen BMW berührt als er sich vor mir vorbeigedrängt hat).
      Wenn es keine Autos, sondern wie in USA Schusswaffen wären, dann würden Waffenträger zur Übung in Städten rumballern und bei Waffengegnern zum Spaß mal knapp vorbeischießen um sie zu ärgern und zu zeigen wer die Macht hat. Wenn dass dann bei jedem 50. Mal schief geht, sind das dann auch noch tragische, nicht vermeidbare Unfälle, bei denen die Waffengegner eine Mitschuld tragen weil sie nicht rechtzeitig Deckung gesucht haben?

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  8. Schöne Bestandsaufnahme. Auch in der Wortwahl dem Alltag (zumindest dem Stuttgarter) angemessen: Waffen, Panzer, Kampf.

    Allein, es fehlt die Synthese.
    Ich wohne schon seit Jahrzehnten in Stuttgart. Die oben beschriebene Situation ist nicht neu.

    Mit meiner Familie fahren wir sehr viel Fahrrad. Vor allem innerstädtisch. Das Auto haben wir vor fast 10 Jahren abgeschafft. Wie ist unsere Situation?

    - zu unseren Zeiten, d.h. am Wochenende oder morgens herrscht auf den Straßen Anarchie. Gefährder können durch Wildparken ungestraft ein sicheres Fortbewegen jenseits des MIV unmöglich machen
    - die Schulbehörden fordern uns auf, nicht mit dem Fahrrad in die Schule zu kommen
    - falls wir Mietwagen nutzen, zahlen wir die hohen Kurzzeitgebühren, während Autobesitzer mit günstigen Jahresprämien belohnt werden
    - der ÖPNV leidet, wie auch die Fahrradinfrastruktur in besonderem Maße an den Infrastrukturgroßprojekten mit zweifelhaftem Nutzen
    - steuerliche Vorteile, wie Pendlerpauschale oder Dienstwagensubvention gibt es für uns nicht
    - dafür finanzieren wir Unsinn, wie die Abwrackprämie, die uns viele noch größere, lautere, schnellere, aggressivere Autos beschert. Von denen wiisen wir mittlerweile, dass der Emissionseinspareffekt, mit dem ursprünglich geworben wurde, dank krimineller Energie der Konzerne weitgehend ausblieb
    - dafür bleibt die Radinfrastruktur trotz Rekordinvestitionen in den Straßenverkehr unzuverlässig und darauf angelegt uns Radfahrer zu kriminalisieren (anstatt der kriminellen Konzernchefs)

    Die Liste könnte noch lange weiter gehen.

    Gerade komme ich aus Rotterdam.
    Dort ist, um nur einen Punkt zu nennen, an jeder sinnvollen Stelle eine schwellenlose Auffahrmöglichkeit am Bordstein ohne großen Firlefanz eingerichtet. An einer "normalen" Kreuzung sind das beispielsweise 4 kleine Rampen in der Bordsteinkante.

    Es geht.
    Es ist einfach.
    Es ist billig.

    Wenn aber weiterhin Menschen, die auf dem richtigen Weg sind (zumindest was die innerstädtische Mobilität angeht), von der Gesellschaft systematisch im Stich gelassen werden und im Gegenzug, Fehlverhalten gedultet oder sogar gefördert wird, ist davon auszugehen, dass sich nicht viel ändern wird.

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    1. Ja, aber auch wir sind Teil dieser Gesellschaft, wir müssen in ihr für uns sprechen. Es hilft nix. Wenn man sich im Stich gelassen fühlt, muss man laut werden und einfordern, dass für einen gesorgt wird. Das ist das, was ich hier in diesem Blog mache. In einer Gesellschaft gibt es keinen anderen Weg, als sich hörbar machen und an der Veränderung der Gesellschaft zu arbeiten. Wir müssen ändern, die andern tun es ja nicht. 😊

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    2. Jetzt könnte ich ein mindestens 10 Jahre altes Mail des "Fahrrad"Beauftragten"" der Stadt Stuttgart suchen, in dem er eine weitere Kommunikation mit mir ablehnt. Aber dann finden sich wortreich andere Gründe, warum in diesem Fall und jetzt und hier und überhaupt keine Lösung gefunden werden kann und schon gar keine einfachen...

      Der CDU-Bezirksbeirat, der mir nach einer Wutbürgerbeteiligungsestablishmentbefriedungsveranstaltung der Stadt Stuttgart (die ich managte) mitteilte, dass der Radfahrer, der von einem Auto angefahren wurde (ich), eben einfach Pech hat, und deshalb noch lange keine Regeln geändert werden sollten, war wenigstens ehrlich.

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  9. Bei Einigem stimme ich zu, Vieles finde ich überzeichnet, eindimensional und nicht übertragbar.

    Grundsätzlich: Der US-amerikanische Verkehr spiegelt natürlich die Gesellschaft. Die ist viel viel mehr als unsere auf das Recht zur Durchsetzung von Einzelinteressen, auf bewaffnete Ellenbogen gebaut. Wer die nicht hat, hat eben Pech, es fehlt ihm Gottes Wille. Rücksicht (Sozíalstaat) ist Schwäche bzw Kommunismus.

    Auch der Radverkehr ist völlig anders. Er findet überwiegend als sportliche Betätigung statt. Auch wenn man zur Arbeit pendelt. Hollandräder z.B. wird man dort lange suchen müssen.

    Nur mal zu zwei Punkten.

    1. SMIDSY ('übersehen')
    Übersehen hat mehrere Ursachen und ich finde es falsch, von vornherein böse Absicht ('Vorsatz') bzw absichtliche Rücksichtslosigkeit ('bedingter Vorsatz') zu unterstellen.
    Gibt's auch, ist hier aber eher selten.

    Übersehen, zumindest hier in Deutschland, hat nach meiner Erfahrung hauptsächlich zwei Quellen.
    1.1. Mangelnde Seherwartung. Mit Radfahrern wird nicht gerechnet, die Seherwartung hängt stark mit dem lokalen Radverkehrsanteil zusammen.
    1.2. Fokussierung. Wir wir alle neigen auch Autofahrer dazu, sich in einem gefährlichen Umfeld auf die Dinge zu konzentrieren, bzw zu fokussieren, von denen ein Risiko für ihre eigene Person ausgeht.
    Das sind nun einmal die Verkehrsbereiche bzw -situationen, in denen andere Kfz eine Rolle spielen, bzw in denen andere Kfz die eigene Fahrlinie kreuzen könnten. Selbstschutz bekommt nun einmal mehr körpereigene Ressourcen als Rücksicht. Das wird keine 'Nehmt Rücksicht' oder 'böser Autofahrer' Kampagne je aushebeln können.
    Unfallverhütendes Design ist hier die Lösung.

    2. 'Überholzwang'

    Den gibt's. Und zwar nicht nur bei Autofahrern, sondern bei allen.
    Erlebe ich bei mir selbst auf dem Rad auch oft.

    In erster Linie liegt ihm nämlich nicht das Auto zugrunde. Es sind die Endorphine, die beim Überholen ausgeschüttet werden. Es wird Alles überholt, nicht nur Radfahrer. Diese Endorphinsucht ist oft so stark, dass auch die Aussicht auf den Tod sie nicht einzudämmen vermag: Überholen trotz Gegenverkehr ist auf der Landstrasse eine nicht seltene Todesursache.

    Der Grund für den Überholzwang ist älter als die Menschheit.
    Der Überholzwang ist schlicht ein Grundprinzip der Evolution (gemeinsam mit dem Prinzip der Kommunikation bzw Zusammenarbeit). Unsere Gene, Zellen, Organe, Individuen, Verbände von Individuen sind darauhin konstruiert. Überholen, besser sein als der jeweilige Konkurrent, ist sozusagen der Sinn der Evolution.

    Das hier: "Grundlage dieser Gefühle ist der tiefsitzende Glaube, dass Radfahrer den Autoverkehr nicht aufhalten dürfen." ist deshalb sehr verkürzt.

    Grundlage dieser Gefühle ist vielmehr, dass man selbst, nämlich das eigene Subjekt (die eigene Evolution), Vorfahrt hat, in jedem Falle im Recht ist und keinesfalls aufgehalten werden darf.

    Zivilisation, als höhere Stufe der (sozialen) Evolution braucht Infrastruktur, wozu neben allgemeinverbindlichem Recht eben auch in diesem besonderen falle Radinfrastruktur zu zählen ist.

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    1. Zum Punkt SMIDSY ('übersehen') bitte nicht das Smartphone vergessen. Da steht uns noch einiges bevor.

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    2. Es wird aber nie die Floskel geben: "Sorry, war mit meinem Smartphone beschäftigt", auch wenn es eine Unfallursache ist. Es wird immer heißen: "Ich habe Sie nicht gesehen." Wobei natürlich das SMS-Tippen während des Autofahrens auch ein Zeichen der Verachtung für Fußgänger und Radfahrer ist, die man nicht sehen will.

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    3. @Vorstadt Strizzi: Vorsicht mit der Evolution. Ich meine, der Wettkampfgedanke, den du hier so ausführlich beschreibst, ist eher eine Sache von Männern untereinander. Nicht, dass Frauen nicht auch gerne mal um die Wette fahren, aber wir definieren uns nicht so darüber. Unsere Gesellschaft befördert den Wettkampf und "ich bin schneller"-Gedanken halt sehr, er ist inenwohnend dieser Autogesellschaft. Und sowohl die Autorin der Dissertation als auch ich, wir weisen ja gerade daraufhin, dass auch Radfahrer wie Autofahrer denken und tief in sich glauben, dass es hier um einen Machtkampf geht. Ich finde, von diesem Gedanken könnte man sich verabschieden. Wenn man den Kampf nicht aufnimmt, findet er nicht statt. Und wir Radler radeln trotzdem. Ist natürlich in etwas idealistischer und pazifistischer Gedanke, aber ich möchte damit sagen: Nicht immer so in Gewissheiten sprechen, wir sind von Natur aus so, wie uns die Werte einer Gesellschaft trimmen. Wir können auch mal anders.

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    4. Der US Verkehr ist auch nicht gleichförmig, es gibt große Unterschiede. Im mittleren Westen wurde meine für hiesige Verhältnisse sehr defensive Fahrweise als Rowdyhaft empfunden. In Texas traue ich mich kaum ohne Auto über die Straße. In New York halten sich kaum Fußgänger an die Regeln, und man ist als Fußgänger sehr sicher unterwegs. Autofahren dort ist für mich der blanke Horror, dagegen fahren die Schwaben gesittet. Ich finde aber schon, das viele Beobachtungen dieser Doktorin auf Stuttgart übertragbar sind.

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    5. Um nicht falsch verstanden zu werden Ich bin kein Biologist (Ich halte mich jedenfalls nicht dafür).
      Ich sehe Evolution auch nicht in erster Linie als Konkurrenz. Sie ist vor allem und von Anfang an (Von den ersten zur eigenen Reproduktion fähigen Großmolekülen an) Zusammenarbeit, Kommunikation. Darwins 'Survival of the fittest' lautet übersetzt (to fit: passen, im Sinne von zusammenpassen): Überleben des am besten Angepassten, d.h. des am besten mit der Umwelt Kommunizierenden. Darin, wie gut mit der Umwelt (und innerhalb der eigenen Struktur) kommuniziert wird, besteht die eigentliche Konkurrenz. Konkurrenz ist also gegenüber der Kommunikation sekundär.
      Das (wie fast alles von mir) ist keine allgemeine Gewissheit. Aber meine, fundierte, Interpretation.

      Da du Frauen ansprichst. Natürlich konkurrieren nicht nur Männer bzw Männchen sondern auch Frauen bzw. Weibchen.
      Ihre Rolle geht sogar über die bloßer eigener Konkurrenz hinaus. Frauen bzw Weibchen entscheiden über die Performance, d.h. die Konkurrenzfähigkeit der Männer bzw. der Männchen. Sie wählen aus, wen sie zur Reproduktion zulassen.
      Aber der langandauernde, u.a. mit wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Mitteln geführte Kampf um das (Selbst-)Bestimmungsrecht zur Reproduktion ('Mein Bauch gehört mir') führt vom Thema ab.

      Weder 'Radfahrer' noch 'Autofahrer' denken wie 'Autofahrer'.
      Sie sind nämlich beide Menschen. Und dessen bin ich gewiss.
      'Das menschliche Maß' von Jan Gehl sollte für Stadt- und Verkehrsplaner Pflichtlektüre sein.

      ..."dass es hier um einen Machtkampf geht. Ich finde, von diesem Gedanken könnte man sich verabschieden. Wenn man den Kampf nicht aufnimmt, findet er nicht statt. Und wir Radler radeln trotzdem."

      Ja, es ist ein Machtkampf. Und wenn man ihn nicht aufnimmt, dann findet er nicht statt, genau, d.h. dann ist der Kampf um inklusive Infrastruktur oder, wie man beim Kampf um die Energienetze sagte, der diskriminationsfreie Zugang zum (Verkehrs-) Markt verloren.
      Aber ebenso richtig: Einige radeln trotzdem.
      'Idealistisch' oder 'pazifistisch' sind, so finde ich, allerdings unpassende Kategorien.
      Vielleicht besser: Infrastrukturmonopol der Kfz-Industrie schützend.

      Ich halte das nach wir vor für kurzsichtige (Industrie-) Politik. Von den Grünen hätte ich mehr erwartet. Den Quartalsergebnissen der Konzerne hat diese Politik zwar über die vergangenen Dekaden gut getan, allerdings hätten sie auch ohne Infra-Monopol immer noch genug verdient. Und das ohne sich in die Sackgasse zu manövrieren, aus dem 'Lead Market' Deutschland ein Dieselmuseum zu machen und so den gesamten Produktionsstandort aufs Spiel zu setzen, inklusive sozialer Verwerfungen.

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  10. Als Motorrad fahrender Mensch, der auch auch mal zwischen den Autos vorbeifährt und damit schneller als die still stehenden Autos vorwärts kommt gibt es auch so manche Geschichten. Den Radler wollen die angeblich so schnellen Dosenfahrer überholen. Aber so mancher dieser Käfigbewohner versucht die Lücke für die Motorräder und Roller dicht zumachen damit auch alle anderen genauso warten müssen. Wobei das dann natürlich nicht als Blockade, sondern als Maßregelung zu vertehen sein soll.
    Dann möchte ich aber mal die staubeschleunigende Rettungsgasse sehen, wenn man bei sommerlicher Hitze mit einem Kreislaufkollaps den Sanitäter braucht.
    Außerdem werden die modernen Autos nicht sicherer, sondern panzerisiert.

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  11. Das ist ein verdammt guter Artikel...

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  12. Wow, spannender Beitrag.

    Was mir noch fehlt, sind zwei Aspekte:

    1) Neid. Ich habe den Eindruck, dass Autofahrer Radfahrer beneiden und ihnen daher versuchen, Steine in den Weg zu legen. Als Autofahrer bezahlt man viel Geld für Anschaffung und Betrieb eines Autos. Als Radfahrer kann man mit einem Rad für 20 Euro auf der Fahrbahn fahren und den gleichen Platz einnehmen. Darauf antworten viele Autofahrer mit einer Sanktionierung und Zurückweisung von Radfahrern bei jeder Gelegenheit.

    2) Weitere Autoisierung der Straßen
    Die Dominanz des Autos ist auf den meisten Straßen auf dem Vormarsch. Dies geschieht durch größere und immer stärker motorisierte Fahrzeuge, mit denen die Autofahrer noch dominanter auftreten und noch aggressiver fahren. Auch Produkte wie Car2Go tragen dazu bei, dass auf der Straße aggressiver gefahren wird und die Fahrbahn zu einem Ort wird, in dem sich nur noch Autofahrer wohl fühlen und nur noch Fahrzeuge akzeptiert werden. Bisher werden bei Unfällen schon oft das "Fehlen" von Helmen oder bestimmter Kleidung in Zeitungsberichten und Polizeimeldungen bemängelt. Im Kontext Autonomes Fahren gibt es hier weitere Tendenzen, die Straßen noch weiter auf Autos zu optimieren, bis hin zu Radar-Reflektoren und Funkkommunikation. In den nächsten Jahren wird es wichtig sein, hierauf ein Auge zu haben, sonst sind die Straßen bald reines Auto-Terrain.

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    1. Vielleicht gehört das alles mit dazu, wenn Gruppen andere Gruppen als die "bösen" definieren, die man kontrollieren muss. Diese andere Gruppe, wir Radfahrenden, wird als ungehörig frech und frei empfunden. Deshalb muss man sie bedrängen, bestrafen, einschränken, jagen ... Soziologisch passt das. Ich habe ja diesmal nur eine Doktorarbeit referiert und durch meine Beobachtungen ergänzt. Neid auf die Schnelligkeit und Wendigkeit, die Freiheit der Radfahrer, ist noch mal ein anderes Thema.

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  13. Sehr einseitige Betrachtung. Wie wäre es denn wenn wir mal einen Führerschein für Radfahrer einführen würden, damit sich die Radfahrer auch Mal bewusst werden welche Fehler sie eigentlich machen. Ich fahre auch gerne Rad und bin noch nie mit Autofahrern in Konflikt gekommen. Das liegt wohl vorrangig daran weil ich ein Verständnis für den Verkehr habe, und auch weiß wann man mal besser zurück steckt. - Sowohl im Auto als auch auf dem Rad.

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    1. Karsten, du bist vermutlich neu hier. Ich handle in meinen Posts nie alles gleichzeitig ab, sondern immer nur verschiedene Aspekte. Du kannst du 700 Posts anschauen, in denen auch andere Ansichten zum Zug kommen. Hier geht es um eine Doktorarbeit, erforscht, was Autofahrer/innen so über Radfahrer denken. Nicht um etwas anderes. Du reagierst hier genau wie in der Doktorarbeit beschrieben: Du forderst Führerscheine für Radfahrer, du übernimmst, auch wenn du selber Rad fährst, die Autofahrerperspektive auf ein Verkehrsmittel und die Menschen, die es fahren, das kontrolliert und in die Schranken gewiesen werden soll. Bedenke, mit dem Auto kannst du andere töten ohne selbst verletzt zu werden, mit dem Fahrrad nicht. Autofahrer müssen deshalb sehr viel strenger an die Verkehrsregeln erinnert werden als Radfahrer oder Fußgänger. Autofahrer fahren eine doch sehr gefährliche Waffe.

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    2. Ich stelle auch mal die steile These auf, dass die meisten Radfahrer einen Führerschein besitzen.

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    3. Ganz steile These. :-) Und die meisten Leute sind als Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger unterwegs (als Fußgänger immer, wenn sie vom Parkplatz zum Ziel gehen). Trotzdem schimpfen so viele auf Radfahrer (aus der Fußgänger- und Autofahrerperspektive), sogar Radler selbst, die wie Autofahrer auch langsame Radler oder verpeilte Radler am liebsten nicht auf den Radwegen haben würden.

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    4. Das mit der Gefahr sehe ich etwas anders: Ein Radfahrer kann durch sein Verhalten ebenfalls einen schweren Unfall (auch mit Toten) verursachen, und sei es, weil er eine Regel missachtet und dadurch einen Autofahrer zum Ausweichen zwingt, der dann irgendwo reinkracht und Menschen trifft.

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    5. Ja, so etwas kann vorkommen, ist mir aber in den letzten Jahren als Unfallszenario nicht untergekommen. Wobei der Radfahrer selbst eben nicht tötet, sondern ein Autofahrer, der in so hohem Tempo unterwegs war, dass er eine Situation nicht mehr beherrschen konnte. (Bei 30 km/h sterben Menschen nicht, auch Kinder nicht, denn deshalb haben wir 30 km/h in Wohnstraßen, weil dann Kinder nicht sterben, wenn sie mit dem Kopf gegen den Kühler knallen). Theoretisch kann so einen Unfall auch ein Fußgänger oder Kind verursachen. Aber auch hier wieder indirekt. Es ist schon das Auto, das tötet. Wir leben seit hundert Jahren mit dieser Gefahr (Pferdekutschen waren übrigens auch für tödliche Unfälle verantwortlich)und versuchen ja, sie zu verringern. Es zeigt sich aber, je geringer das Tempo auf unseren Straßen, desto weniger tödliche Unfälle gibt es. Es ist nämlich die Masse des Autos, die so gefährlich ist. Ja, es gibt auch Unfälle, die Radler verursachen, bei denen ein Mensch um Leben kommt. Der Radler liegt allerdings auch im Krankenhaus. Im vergangenen Jahr, waren das, wenn ich mich recht erinnere, 5. In Relation zu gut 3000 Toten im Autoverkehr.

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    6. Lieber Kai, das mit der Gefahr ist jedoch aufgrund der Masse und der Geschwindikeit ein vielfaches höher als beim Fahrrad.
      Die Energie die zum beispiel bei einem Aufprall entsteht berechnet sich Ja bekantermasen
      Ekin=0.5*Masse*Geschwindichkeit²
      Bei einem 80kg Schweren Radfahrer bei 25 km/h haben wir 25.000 J. Bei einem Auto mit 1500 kg und 50 km/h haben wir eine Energie vn 1.875.000J. Das ist das 75-Fache.
      Deshalb Braucht man für einen Rad kein Fürherschein für ein Auto schon. Zumal der Radfahrer bei einen Unfall den er selbst verursacht auch selbst stark betroffen ist. Bei einem Autofahrer mit einem Fußgägner oder Faradfahrer vermutlich nicht.
      Dennoch müssen Radfahrer natürlich Verkehrsregeln kennen.

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  14. Vielen Dank für eine sehr gute Analyse. Jetzt muss man es nur schaffen, die Dominanz der Autofahrer aus den Köpfen zu bekommen.

    Auch ein Thema: Während das Kfz mit bis zu 105 Dezibel andere "vor sich warnen" darf (§55 StVZO), darf der Radfahrer nichts anderes als eine "helltönenden Glocke"(§64a StVZO) dazu verwenden. Das wird der Autofahrer hinter seinem Panzer nie hören, während Fußgänger und Radfahrer herrlich durch die Autohupe erschreckt werden können.

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    1. Und Autofahrer, die einen Fahrradführerschein machen müssten, würden mit fliegenden Fahnen scheitern, denn die Regeln für Radfahrende sind so kompliziert und je nach Situation immer wieder anders - kein Vergleich mit den einfachen Regeln für Autofahrer auf ihren gebahnten Fahrbahnen mit nur einer einzigen Sorte von Ampeln (Radler haben ja mindestens drei mit etlichen Varianten) -, dass man schon fast wissenschaftliche einstigen muss, um alle Regeln beachten und umsetzen zu können.

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  15. Gibt es auch eine Studie über den Hass von Radlern auf ALLE anderen Verkehrsteilnehmer? Und gleich noch eine über die Haltung zu Verkehrsregeln? Es geht da nicht um zu "komplizierte" Regeln (ich lach mich schlapp), sondern ein Anhalten bei roter Ampel oder Zebrastreifen würde als Anfang schon genügen.
    Und nein, ich bin kein Autofahrer (habe nicht mal nen Führerschein), sondern Radfahrer im urbanen Raum. Und mich KOTZT die Selbstgerechtigkeit und Rücksichtslosigkeit vieler Radfahrer total an (viele Autofahrer empfinde ich dagegen als eher defensiv). Im Sommer, wenn zu viele solcher Vögel unterwegs sind, nehme ich dann oftmals lieber die U-Bahn...

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    1. Im Sommer sinds halt mehrheitlich Autofahrer, die mal die Sonne genießen wollen. Aber ja, mich nerven die echten Radlrambos auch.

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    2. Aber Kai! Es ist doch wirklich auffällig, dass hier ganz überwiegend sachlich diskutiert wird. Mit Einzelbeispielen kommt niemand zu allgemeingültigen Einsichten. Mehrfach wurde doch eingeräumt, dass natürlich Verkehrsteilnehmer aller Art Regelverstöße begehen. Unterschiedlich sind eben die Konsequenzen. Wenn ich in meiner Rolle als Autofahrer auf der Straße bin, spiel ich am Radio herum und ertappe mich beim tagträumen. Auf dem Rad bin ich voll konzentriert - jeder Fehler kann mich das Leben kosten. Und außerdem: Die Argumentationslinie "die Radfahrer haben aber auch..." erscheint doch reichlich sandkastenlastig. Meinen Kindern versuch ich beizubringen, dass Fehlverhalten anderer das eigene nicht rechtfertigen kann. Jetzt sind wir aber bei Kant und folglich wird's für ein ganz triviales Problem zu hoch: Der propagierte Radfahrerhass ist hilflos und kann anderen selten ernsthaften Schaden zufügen. Der gesellschaftlich tolerierte und greifbar wahrnehmbare Autofahrerhass auf Radler ist tödlich. PUNKT

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    3. Mischi, was Du beschreibst ist leider genau Teil des Problems: Die Haltung, dass man als Radfahrer ja nicht so sehr an Regeln gebunden sei, da man ja nicht so viel Unheil anrichten kann. Daraus resultiert dann leider bei vielen Radfahrern ein Verhalten wie: Bei rot nirgends halten; Fußgänger schneiden; mit hohem Tempo durch die Fußgängerzone; wie ein Geisteskranker klingeln, wenn sich mal ein Fußgänger auf den Radweg verirrt (umgekehrt beansprucht man natürlich den Fußweg, weil hey, man ist doch nur Radfahrer) ; und oh-mein-Gott wehe es steht mal ein Auto in zweiter Reihe auf der Straße. Da wird gepöbelt was das Zeug hält. Klar, solche Radler sind voll immer konzentriert, weil sie immer überall ganz schnell durchmüssen, scheiss auf die anderen. Weißt Du, Mischi, Man muss nicht "töten" können, um andere Verkehrsteilnehmer zu ängstigen und zu stressen. Pure Rücksichtslosigkeit genügt schon.

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  16. Wunderbarer Artikel, vielen Dank!

    Nicht zufällig gibt es immer mehr größere und schnellere Autos und die Straßen ähneln einer Kampfarena. Dr Paul Pfiff hat schon mit studien bewiesen (Studie hier erzählt: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3306667/), dass eine höhere sozial-ökonomische Status generiert respektloses Verhalten nicht nur im Verkehr, aber auch in allen Bereichen des Lebens. Hier eine kurze Zusammenfassung der Studie in einem Artikel: http://www.businessinsider.com/the-link-between-narcissicsm-and-wealth-2013-8?IR=T

    Daraus lässt sich schließen, dass jeder SUV-Fahrer meint (unbewusst), ihn gehört von Natur her mehr Platz und breitere Rechte als den anderen.

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  17. Es gibt nicht DEN bösen Radfahrer und nicht DEN bösen Autofahrer. Wer hier behauptet als Radfahrer defensiv zu fahren und noch NIE in ein Situation geraten ist, die wirklich ursächlich vom Autofahrer verursacht wurde, ist entweder blind, taub oder fährt mit der rosaroten Brille rum. Ich bin sowohl als Radfahrer als auch als (überwiegend) Autofahrer unterwegs. Ich könnte ganze Bücher damit füllen, was mir täglich auf der Straße (vorwiegend mit dem Auto, aber auch mit dem Fahrrad) passiert ist. Ich denke, das Verhalten im Straßenverkehr hat mittlerweile nichts mehr mit "gegen eine andere Verkehrsgruppe sein" zu tun. Es herrscht maximale Rücksichtslosigkeit. Ich würde sogar, zumindest für die Autobahn, sagen, da draußen herrscht Krieg. Jeder will nur noch so schnell als möglich vorwärts kommen, koste es was es wolle, nur keine Zeit verlieren. Unter diesem Aspekt lassen sich fast alle Verkehrsverstöße betrachten. Falsch geparkt -> wollte nur mal schnell (Zeit) was abholen. Zu schnell gefahren -> hatte es eilig. Radfahrer geschnitten -> ich hatte es eilig, der hat mich aufgehalten. Bei rot gefahren ->ich hatte es eilig, ich wollte nicht mehr warten. Auf Radweg gehalten/geparkt -> ich wollte nur mal schnell.. Überall nur Zeit, Zeit, Zeit. Vielleicht sollten wir mal über Entschleunigung nachdenken. Wenn man sich selbst mal überlegt, wofür man welche Zeit verwendet, kommt man vielleicht auf den Trichter, dass man sich ohne großartigen "Zeitverlust" auch ordentlich verhalten kann, korrekt parken, diszipliniert zu fahren etc.
    Verkehr ist ein enorm weites Feld, aber eines ist klar, diszipliniertes Verhalten bringt uns alle weiter und geht für alle schneller.
    Gruß
    Karin

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  18. Sehr gelungener Artikel, Christine. Ich finde es toll, wie Du die große Kuve von einer Doktorarbeit im fernen Amerika zu der Realität im kleinen Stuttgart hinbekommen hast. Bravo!

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    1. danke Carsten, und danke für deinen Hinweis auf diese Doktorarbeit. (Das werde ich im Post noch ergänzen, dass der Tipp von dir kam, wenn es dir recht ist.)

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    2. Du darfst dass gerne ergänzen, ist mir ist aber nicht wichtig. Du hast deutlich mehr aus dem Thema gemacht, als ich mir erhofft habe.

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  19. Man kann noch erwähnen, das es zu deutlich weniger Anfeindungen, engen Überholmanövern etc kommt, wenn man als kleine Gruppe direkt nebeneinander fährt und ggf noch in ein Gespräch vertieft ist. Man merkt es ab 2en schon etwas. Ab 4-6 die in 2er Reihen nebeneinander fahren, kommt sogut wie nie ein Fehlverhalten vor. Deckt sich ja auch mit der Aussage, das hierarchisch gesehen, die 4-6 deutlich mehr sind als die 1-2 im Auto. Fährt man dann wiederum mit 4-6 Mann hintereinander, ergeben sich so blödsinnige Aktionen wie enges und gefährliches Überholen mit ggf noch reindrängeln in die Gruppe, weil man den Gegenverkehr mal wieder unterschätzt hat.

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  20. Heute ist mir ein Radhasser in einem riesigen Jeep (irgendeiner Automarke) bergauf gefolgt, wollte vorbei, drängelte, obgleich kein Platz war, und setze zum Überholen an. Ich streckte den den linken Arm raus, damit er langsam macht, er beschleunigte und fuhr mit vierzig Zentimeter Abstand an mir vorbei, schwenkte dann an den Bordstein, schnitt mich, bremste und zwang mich zum bremsen. Dann brauste er befriedigt weiter. Das war um 19:54 Uhr auf dem Mühlrain. Sein Kennzeichen: S-MG 900 (man hat ja gut Zeit, sich so ein Kennzeichen zu merken.) Der Fahrer entsprach damit vollständig der in der Doktorarbeit beschrieben Sorte von Menschen mit großen Autos und großem Überholdruck, die anschließend den Radfahrer abstrafen, um ihn zu kontrollieren und einzuschüchtern. Danke für das Beispiel. Das habe ich heute gebraucht.

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    1. Ich war gestern sich noch kurz unterwegs. 2 schöne Beispiele für notorischen Überholzwang: Einmal bergab innerorts, mein Tacho zeigt knapp über 50km/h. Ein Kleinwagen überholt mich, am Steuer eine junge Frau.

      Ne knappe Viertelstunde später fahre ich an einem parkenden LKW vorbei und halte ordentlich Abstand. Dooring von einer LKW-Tür ist bestimmt nicht lustig. Natürlich überholt mich ein älterer Herr trotz Gegenverkehr. Sein Außenspiegel war gefühlt in Reichweite.

      @Karsten Soll: Vielleicht fehlt mir das Verständnis für deb Verkehr. Aber wie hätte ich, wie du empfiehlst, zurückstecken sollen? Und was nutzt hier die Forderung nach einem Führerschein für Radler?

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    2. Wusste doch, ich hab den SUV S-MG 900 auch schon gesehen. Steht heute, Stand 08:46, vor dem Landgericht in der Urbanstraße. Es ist eine schwarze G-Klasse, sogar der Mercedes-Stern im Kühler ist schwarz. Also vermutlich AMG. Fahrer ist ein gegelter korpulenter Herr Ende 30, Anfang 40. Genau das Klientel.

      Martin

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    3. Das ist schon eine krasse Ausprägung des Überholzwanges. Der Fahrer ist auf jeden Fall fähig, im Straßenverkehr teilzunehmen. Ich hatte aber letztens genau das Gegenteilige gesehen: Ein Auto überholte im Elsental eine vor mir fahrende Radfahrerin am Berg nicht, weil es als gefühlt 1 von 100 genau gesehen hatte, dass kein Platz ist. Die Radfahrerin hielt an und zwang das Auto wild gestikulierend zum Überholen, obwohl es durchaus nicht ganz ungefährlich war.

      Das war mal eine falsche Verkehrserziehung, die in Zukunft andere Radfahrer gefährden mag.

      Die Frage ist dort, ob die Radfahrer auch schon zum Überholzwang der Autos erzogen worden sind oder ob die Frau bewusst ihr Unwohlsein über die Sicherheit im Straßenverkehr stellt.

      KaivK (nicht der Kai von oben)

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    4. Das Verhalten der Radlerin ist genau das, was in der Doktorarbeit auch beschrieben wird: Auch wir Radler glauben, wir dürften Autos nicht aufhalten, weshalb wir in Stress geraten. Manche nehmen den Kampf auf und radeln mit dem Gefühl weiter, der Auotfahrer hinter uns ärgere sich (es geschehe im Recht), andere, die diesen Machtkampf nicht kämpfen wollen, weichen aus, weil sie es nicht ertragen, einen zornigen Autofahrer (einen Autofahrer, von dem sie glauben, dass er zornig ist) hinter sich zu haben. Interessant wäre, wie sich Radler bei uns verhalten würden, die nicht sofort annehmen, dass der Autofahrer hinter ihnen sich ärgert, sondern die völlig unbefangen vor sich hin radeln, egal, wie viele Autos hinter ihnen sind. Diese Gedanken an den Hintermann (die Hinterfrau) im Auto finden aber immer statt, würde ich mal behaupten, und das zeigt, dass wir den Machtkampf auf unsere Straße anerkennen und die Vormacht des Autos auch, die wir angreifen oder der wir ausweichen, je nachdem, wie wir drauf sind.

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    5. Liebe Christine,

      es ist nicht die Vormacht des Autos, die einen ausweichen lässt, sondern die Übermacht. Oder anders gesagt: die Autofahrer, die das Risko eines schwerverletzten oder toten Radfahrers in Kauf nehmen, sind die Stärkeren (siehe die Ausführungen zur oben erwähnten Doktorarbeit). Der Eigenschutz-Reflex bewirkt, dass viele Radler zurückstecken.

      Chris

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    6. Naja, ich beobachte aber auch auf den besten Radwegen diese neurotischen Radler, die von etwas langsameren Radlern ultragenervt sind. Weil es bei einigen offenbar diese Haltung gibt, dass sie auf dem Rad immer die schnellsten und wendigsten im Straßenverkehr sein müssen – weil hey, sie sind ja Radfahrer! Weshalb es für sie auch keinerlei Verkehrsregeln gilt. Und weh, WEHE der Feind namens Fußgänger spaziert mal auf dem Radweg...

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  21. Bravo! Habe den positiven Kommentaren hier nichts hinzuzufügen.

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  22. Liebe Christine,

    hab jetzt den gesamten Textverlauf gelesen. Bravo und herzlichen Dank für Deinen Einsatz für alle gelegentlichen bis hin zu allen überwiegend Radfahrenden!

    Auf unserem Weg hier in Stuttgart hin zu fahrradfreien Gehwegen (Fußgänger first!) über flächendeckende Harmonisierung des Tempos auf unseren regulären innerstädtischen Straßen (Regelgeschwindigkeit +/-30 km/h) bis hin zu ordentlich breiten und sicheren Radspuren gibt es noch eine Menge zu tun. Packen wir`s an!

    Innerstädtische Fahrverbote für Radler auf öffentlichen Straßen sind nicht mehr zeitgemäß (waren es noch nie)! Daher müssen auch der Planietunnel, viele Kreuzungen entlang des "Cityrings", die Kraftfahrstraße nach Cannstatt (Fahrzeuge müssen bauartlich min 60 km/h fahren können, dürfen dort aber maximal 50 fahren (Paradox), endlich angegangen werden. Die Verkaufszahlen von Pedelecs und S-Pedelecs (max 45 km/h), teils auch Elektroroller, sind eine große Erfolgsgeschichte und zeigen, wie Elektromobilität schon jetzt in Deutschland funktionieren kann. E-Autos zwingen den Nutzer genau wie beim Verbrenner-PKW, Staus zu produzieren, und dann daran zu leiden, "Parkplätze" auf öffentlichem Grund suchen zu "müssen", der dafür nie vorgesehen war, und die Feinstaubverminderung liegt wohl bei mageren ca. 20%. Die Leute kauften sich im verganenen Jahr 2016 deutschlandweit ca. 650.000 E-Fahrräder, versus ca. 10.000 Neuzulassungen reiner Elektro-PKW (http://www.focus.de/auto/elektroauto/keiner-holt-china-ein-elektroautos-experte-sieht-vor-2020-keinen-verkaufs-boom_id_6358134.html).

    In Stuttgart gibt es beim Versuch, Infrastruktur für Fahrradfahrer zu schaffen, gruselige Selbstversuche. Am Kräherwald führte das zu einer katastrophalen Geldverschwendung: Mehrere Kilometer vermeintlicher Radweg wurden für 950.000 Euro gebaut, gegen (auch Deine) Empfehlung, auf der Straße jeweils in beide Fahrrichtungen schön breite Fahrradspuren entlang der Fahrbahn anzulegen. Ein Jahr, nachdem der gemischte Fuß- und Radweg fertig war, stellte man fest, dass solch ein gemischter Nutzungsstreifen mit unter 3,5 m Breite gar nicht zulässig ist. Nun wurden (mehr- oder weniger schamhaft) die Fußweg+Radweg-Schilder demontiert und durch das Fußweg-Schild mit Zusatz "Fahrrad frei" aufgehängt. Radfahren ist jetzt also dort nur mit max. Schrittgeschwindigkeit (4-5 km/h) gestattet! Wer bei höherer Geschwindigkeit einen Fußgänger streift/verletzt, ist immer zu 100% schuld!! Man darf/muss also wieder auf der Fahrbahn fahren, was aber manche Autofahrenden nicht wissen, und die Infrastruktur suggeriert nun für Viele, ein Radler, der nicht auf dem halbwegs breiten Fußweg fährt, sei ein Provokateur oder Idiot.
    ...

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    1. Es gibt ja leider in Deutschland laut StVO keine andere Beschilderung als verpflichtender Radweg oder Gehweg frei. Und grundsätzlich würde ich es nicht ablehnen, dass der Geh- und Radweg am Kräherwald geglättet (hätte man sowieso machen müssen) und besser befahrbar gemacht wird. Man darf für Radler und Fußgänger auch 900.000 Euro ausgeben, damit die es bequem haben. Leider werden Radwege lieber beradelt als Fahrbahnen. Aber ich schätze, das wird sich in den nächsten Jahren ändern. Da werden wir es leichter haben, Radinfrastruktur zu schaffen, vorausgesetzt, die Stuttgarterinnen wählen bei den Gemeinderatswahlen auch entsprechende Parteien.

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  23. (Fortsetzung des Kommentars von 00:07 Uhr)
    ...
    Dieses Beispiel ist kein Einzelfall, sondern leider peinliche Regel in Stuttgart. Heute abend war ich zu Fuß auf dem Birkenkopf und habe beim Rückweg am Botnanger Sattel gesehen, dass auch dort Vorbereitungen getroffen wurden, die Radfahrer via (noch nicht installierter Ampelanlage) stadtauswärts von der Straße weg, auf den Fußweg links hoch am Wald entlang zu führen! Das heißt, die Stadt hat es immer noch nicht begriffen! Dort gehört, wie an allen mehrspurigen Steigungsstrecken, die rechte der zwei bergauf führenden KFZ-Spuren zu einer (neuerdings so genannten) "Umweltspur" umgewandelt, also eine Radspur in voller Spurbreite, auf der, in angepasster und rücksichtsvoller Fahrweise, dann auch S-Pedelecs, mal ein Bus, mal ein Taxi fahren dürfen, also all jene, die nicht zum Stau beitragen und zugleich dessen Opfer werden sollen. An dieser kurzen Steigungsstrecke bis zum Birkenkopf gab es seit Menschengedenken keinen Ansatz von Stau. Wäre auch unlogisch, da es nach langer, einspuriger Strecke keinen Grund für Stau gibt. Die linke Spur verlockt bei heutigen, hochmotorisierten KFZ lediglich zu überhöhter Geschwindigkeit und Lärm im Naherholungsgebiet. Früher, zur Bauzeit in den 70ern, waren diese Strecken als Überholspur für schwachmotorisierte KFZ und LKW konzipiert. Gibt es beides praktisch nicht mehr. Jeder Sprinter fährt dort heut locker mit 100 km/h bergauf, wenn der Fahrer will.

    Wenn wir jetzt nicht aktiv gegen diese "Try and Error-Wegeplanung" der Stadt Stuttgart (Stadtplanung und Tiefbauamt, womöglich begünstigt durch laienhafte Gemeinderatsbeschlüsse) vorgehen, werden wieder für Jahre Strukturen geschaffen, die die Verkehrswende in Stuttgart weiter bremsen, statt befördern. Und zudem wird Steuergeld zum Fenster raus geworfen, dass es raucht.

    Ich bin aber nicht pessimistisch, sondern ich hoffe, dass man durch Information die Stadt vor weiteren Fehlern in dieser Größenordnung bewahren kann. Die Frage ist nur, wie man mit den, teils arg uninformierten Entscheidungsträgern und Planeren ins Gespräch kommt.

    Haste da nen Tipp? Ne kleine Idee hab ich zumindest schonmal... Vielleicht trifft man sich mal?

    Liebe Grüße,
    Gerhard Wollnitz

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    1. Die Stadt wurde so geplant wie sie ist vom Gemeinderat, der entsprechende Entscheidungen getroffen hat. Auch heute findet im Gemeinderat ein heftiger Richtungsstreit zwischen mehr Autostraßen auf der einen und mehr Radwegen und Gehwegen auf der anderen Seite statt. Die einen wehren sich heftig gegen jede Temporeduzierung, die anderen fordern pro Jahr 10 Prozent Parkplätze weniger. Es sind komplizierte Diskussionen und es müssen Kompromisse gefunden werden. Die Stadtbevölkerung kann sich an allem beteiligen, in dem sie Briefe schreibt, mit ihren Anliegen in die Bezirksbeiräte geht, versucht einen Stadtrat für ein Problem zu interessieren, damit er oder sie es zu ihrer Sache macht, bei Gemeinderatswahlen die Parteien wählen, die eine Verkehrswende wollen (oder eben nicht) und so weiter. Ohne starke Signale aus der Stadtgesellschaft heraus kann die Politik keine Änderung einleiten, allemal ein Gemeinderat nicht, der ja ziemlich direkt Sprachrohr der Bezirke und ihrer Einwohner ist. Veränderung geht in einer Stadt nur über dem Gemeinderat, denn der trifft alle Entscheidungen, der bewertet die Vorlagen der Verwaltung und verlangt (was oft geschieht) auch grundlegende Änderungen. Ein aufgeweckte Stadtbevölkerung hilft auch den Stadträt/innen zu erfahren, was gewünscht wird, was den Leuten auf den Nägeln brennt. Bisher sind die Gegner einer Reduzierung von Parkplätzen in der Öffentlichkeit die Lautesten. Und Radfahrende und Fußgänger sind sehr sehr leise. Das müsste sich mal ändern.

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